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Carry Brachvogel

Persönliche Daten

Name: Brachvogel
Vorname: Carry
eigentlich "Karoline"
Geburtsname: Hellmann
Religion bei Geburt: jüdisch
Geburtstag: 16.06.1864
Geburtsort: München
Todestag: 20.11.1942
Sterbeort: Theresienstadt
KZ Theresienstadt
Ausbildung
Beruf/Erwerb:
  • Vermutlich Besuch einer Höheren Töchterschule, weitere Details nicht bekannt
  • Kurzzeitig Schauspielerin (nicht eindeutig belegt), dann Schriftstellerin, Feuilletonistin

Nach eigenen Worten gelangte sie auf unterschiedlichen Wegen in die Literatur. “Mein Leitstern war meine unbeschreibliche Sehnsucht, Bücher zu schreiben”, sobald sie lesen konnte. Früh war sie ein “Bücherwurm”, hat angeblich mit elf bereits Schiller entdeckt, als Halbwüchsige “die großen französische Psychologen” gelesen. “Da wurde meine Sehnsucht zum Entschluß, daß ich Bücher schreiben müsse”, war aber noch zu jung dafür. “So kam ich an die Dreißig, bis ich meinen ersten Roman Alltagsmenschen schrieb” (Selbstauskunft Carry Brachvogel, in: Eva Gräfin Baudissin über Emma Haushofer-Merk, Frieda Port und Carry Brachvogel zum Geburtstag, in: MNN, Jg. 77, Nr. 160, 15. Juni 1924 (MDZ Nr. 18)

Staatsangehörigkeit bei Geburt: Königreich Bayern

Mitgliedsjahre im Verein für Fraueninteressen
Diese Angaben stammen aus den alten „Mitglieder-Verzeichnissen“ (1896 bis 1916) des Vereins, bei den Personennamen wurde die jeweilige Original-Schreibweise – einschließlich der Tipp- und Lese- bzw. Hörfehler – übernommen. Fehlerhafte Adress-Angaben (z.B. Franz Josefstr. statt Franz Josephstr.) wurden korrigiert und der damals gültigen Schreibweise (im Adressbuch München) angepasst.

Details Details 1903 bis 1916    
Sie wird im Jahresbericht von 1904 zum ersten Mal erwähnt und ist vermutlich schon 1903 beigetreten. Ob sie 1933 ausgeschieden ist, wissen wir nicht, es liegen keine bekannten schriftlichen Quellen vor. Der Schriftstellerinnen-Verein entzog ihr am 03.05.1933 aufgrund ihrer jüdischen Herkunft den Vorsitz. In den überlieferten Mitgliederlisten wird sie bis 1916 erwähnt. Danach liegen keine Mitgliederlisten mehr vor.

Vereinsämter

1910 Mitarbeit in der Rechtschutzstelle Jahresbericht 16 von 1910, S. 25
1912 Vorsitz in der Kommission für Bühnenangelegenheiten (bei der Generalversammlung am 11.11.1912 auf Antrag von Luise Kiesselbach und Carry Brachvogel gegründet, Jahresberichte 18/19 von 1912/1913, S. 16f., S. 41
1912 bis 1917 Mitglied im Vorstand Jahresberichte 18/19 von 1912/1913, S. 40)
1915 Leitung der Nähstube des Vereins während des Ersten Weltkriegs

Ämter und Mitgliedschaften in anderen Vereinen

Ab 1913 Mitgründerin des Münchner Schriftstellerinnen-Vereins, ab 1925 deren Vorsitzende, 1933 ausgeschlossen.


Erwähnung in Jahresberichten und andere Zitate

  • Jahresbericht 15/ 1909, S. 6: „Ausserdem (sic!) wurden an den regelmäßigen Mitgliederabenden im Museum folgende Vorträge gehalten: (…) “Zwei merkwürdige Frauen aus der Französischen Revolution” (Frau Carry Brachvogel)
  • Jahresbericht 18/19/ 1912/1913, S. 8 f.: „Die Mitgliederabende, die anfänglich im Museum, später im viel hübscheren Lokal des Hotels Deutscher Hof stattfanden, brachten die mannigfaltigsten Themen. Es sprachen (…) Frau Carry Brachvogel: "Hebbel und die moderne Frau“ (…) Frau Carry Brachvogel: „Das Elend der Schauspielerinnen““
  • Jahresbericht 20/ 1914, S. 6: „Zu den literarischen Vorträgen, die immer wieder außerordentlich zahlreiches und dankbares Publikum fanden, gehört der Mitgliederabend im Mai, an dem Frau Haushofer-Merk und Frau Carry Brachvogel eigene Werke lasen (…) dann der grosse (sic!) Vortrag von Frau Carry Brachvogel im Prinzensaal am 6. Januar „Die berühmte Frau und ihr Mann“
  • Ebd., S. 23: „Auf einen von Frau Carry Brachvogel verfassten und in den Münchener Neuesten Nachrichten veröffentlichten Aufruf „Helft der Rechtsschutzstelle für Frauen“ gingen etliche Spenden ein. Der Verfasserin und allen gütigen Gebern sei unsere Dankbarkeit hier wiederholt bekundet. Nur durch diese Unterstützungen wurde es uns ermöglicht, die Kasse ohne erhebliches Defizit abzuschliessen (sic!).“
  • Jahresbericht 21/22 / 1914/15, S. 35: „Katharina II.“ Vortragende: Carry Brachvogel“

Familie

Vater Heinrich Hellmann Privatier 1819 Reckendorf bei Bamberg - 1880 München
  Heinrich stammte aus vermögenden Verhältnissen und wanderte in jungen Jahren nach Amerika aus. 1840-1860 lebte er als erfolgreicher Geschäftsmann in Venezuela. Aus unbekannten Gründen übersiedelte er nach Nürnberg, lebte allerdings kurze Zeit später bereits temporär in München und erhielt 1867 das Bürgerrecht. Am 11.08.1862 ehelichte er Zerline in München. Spätestens ab dieser Zeit war er im Hopfengeschäft von deren Bruder Ignatz Karl tätig, wird im PMB allerdings als Privatier geführt. Diverse Immobiliengeschäfte lassen vermuten, dass er über beträchtliches Vermögen verfügte. Ab April 1875 war er im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde, trat jedoch im April 1878 aus unbekannten Gründen aus der Gemeinde aus.
Mutter Zerline Hellmann, geb.Karl Hausfrau 1838 Schwabing - 1923 München
  Tochter des Hopfenhändlers Salomon Karl und dessen Frau Karolina Karl, geb. Weiman, wird in den Quellen als Hausfrau geführt.
Bruder Siegmund Hellmann Privatdozent, Professor für Mittlere Geschichte und Geschichtliche Hilfswissenschaften 1872 München - 1942 KZ Theresienstadt
  Er studierte ab 1890 Jura, ab 1892 Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, promovierte und habilitierte sich ebendort. Ab 1899 lehrte er als Privatdozent, ab 1908 als außerordentlicher Professor an der LMU, 1923-1933 war er ordentlicher Professor für Mittlere Geschichte und Geschichtliche Hilfswissenschaften an der Universität Leipzig. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er am 28.06.1933 im Zuge des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ entlassen und ging nach München zurück. Ab Herbst 1936 lebte er in der Wohnung seiner Schwester in der Herzogstraße 55/I., von wo er im Juli 1942 mit ihr deportiert wurde.

Familienstand

verheiratet mit 1887 Wolfgang Josef Emil Brachvogel Journalist, Schriftsteller 1854 Ohlau/Schlesien - 1892 Tegernsee
1878-1882 lebte er in Berlin und Görlitz, 1882 – 1886 in Bozen, wohin auch seine verwitwete Mutter zog, ab 1886 in München, wo er 1886 Bürger- und Heimatrecht erhielt und am 18.02.1887 Carry heiratete. Er ertrank bei einem Badeunfall im Tegernsee. Eltern: Fedor Andreas Brachvogel, Arzt und Sanitätsrat; Johanna Caroline Brachvogel, geb. Becker Einer seiner Onkel, Albert Emil Brachvogel, verfasste den berühmten Roman "Friedemann Bach", ein zweiter, Udo Brachvogel, war ein bekannter Journalist in Deutschland und den USA.

Kinder

Feodora Brachvogel Sekretärin 1888 München - 1961 München
Feodora wurde nicht getauft. Sie besuchte die Wirtschaftliche Frauenschule Geiselgasteig, arbeitete ab 1919 als Sekretärin, lebte zeitlebens bei ihrer Mutter Carry und blieb unverheiratet. Im Jahresbericht 21/22 von 1914/15 des Vereins für Fraueninteressen wird sie als Mitglied der Jugendgruppe des Vereins aufgelistet.
Heinrich Udo Brachvogel Filmjournalist, Schrifsteller 1889 München - 1934 Berlin
Heinrich Udo absolvierte den Militärdienst und hielt sich vor dem Ersten Weltkrieg fünf Jahre bei Verwandten (Carrys Familie väterlicherseits) an der Westküste der USA auf. Bei seiner Rückreise während des Krieges geriet er in englische Gefangenschaft. Im März 1919 war er bei der Niederschlagung der Räterepublik in München aktiv. Ab 1919 arbeitete er als Filmjournalist und verfasste Unterhaltungsromane. In den 1920er Jahren lebte er zeitweise in Südamerika, war zweimal verheiratet, hatte einen Sohn Karl Heinz (geb. 28.04.1925, gestorben 21.05.1990) und lebte mit seiner Familie in Berlin.

Anmerkungen

Dieser Eintrag wurde aus den Mitgliederlisten des Vereins übernommen und wurde darüber hinaus bisher nicht geprüft.
Wir arbeiten kontinuierlich daran, die Daten zu unseren historischen Mitgliedern zu ergänzen.
Haben Sie Informationen zu diesem Mitglied? Kontaktieren Sie uns gerne unter archiv(at)fraueninteressen.de.

Anmerkungen

Nach dem plötzlichen Unfalltod ihres Mannes entschied sich Carry Brachvogel gegen eine weitere Ehe aus reinen Versorgungsgründen. Wolfgang Brachvogel war römisch-katholisch, Carry konvertierte bei der Heirat jedoch nicht, wie es damals eigentlich üblich war. Offenbar brachte sie Vermögen in die Ehe ein, er jedoch nicht. Nach seinem Tod erbte sie ca. 10.000 RM. Die Kinder Feodora und Heinrich Udo erhielten einen männlichen Vormund, erst Redakteur Bogler, später Ingenieur und Fabrikbesitzer Edward Schmidt (STAM, AG/Nr. München, Not. VI 1892/38 (zit. nach Judith Ritter, Carry Brachvogel, S. 51). 

Carry wollte keine „Versorgungsehe“ eingehen und heiratete deshalb nicht mehr. Damals war sie gerade 28 Jahre alt und Mutter zweier kleiner Kinder. Stattdessen wollte sie sich künftig durch ihre eigene Arbeit finanzieren. Mit der regelmäßigen Veröffentlichung von Feuilletonbeiträgen in namhaften Zeitungen (MNN, Wiener „Zeit“ u.v.a.) sowie dem Erscheinen ihres ersten Romans Alltagsmenschen (1895) gelang ihr das auf Anhieb. Die Eigenständigkeit der Frau war fortan ein zentrales Thema ihres Werks, das sie auch konsequent selbst (vor-)lebte. 1903 trat sie dem Verein für Fraueninteressen bei. Ab 1909 wird sie mit Vorträgen, Lesungen sowie dem Engagement in verschiedenen Vereinsämtern und im Vorstand aktiv.
Programmatisch wurde ihr Vortrag „Hebbel und die moderne Frau“, den sie 1911 bei einem Mitgliedsabend hielt und der 1912 im Druck erschien. Die darin formulierte These lautet, die Reduzierung der Frauen auf Liebe als Lebensziel und -glück in der Literatur habe jahrhundertelang die Einstellung zum weiblichen Geschlecht geprägt. Erst Hebbel habe damit gebrochen, woran man sich fortan zu orientieren habe: „Modern sein heißt für die Frau ja nicht etwa, nur einen Beruf haben, promovieren oder an Wahltagen einen Stimmzettel abgeben wollen, nein, modern sein heißt für die Frau, ihr Leben nicht ausschließlich auf die Liebe festlegen, heißt, dem Manne nicht die Gewalt zu binden und zu lösen zugestehen. Modern sein heißt für die Frau ein eigenes Gesetz in der Brust tragen, dessen Erfüllung ihr vielleicht nicht banales Glück, gewiß aber das höchste Glück der Erdenkinder gewährt: die Persönlichkeit.“
Daneben engagierte sie sich für Frauen in verschiedensten Tätigkeiten an Bühnen/ Theatern, was vermutlich durch ihre – nicht eindeutig belegbare – kurze Laufbahn als Schauspielerin bedingt war. Ein weiteres Anliegen war ihr, gleiche Rechte und vor allem gleiche Honorierung von schreibenden/ publizierenden Frauen wie für Männer durchzusetzen. 1913 initiierte sie mit Emma Haushofer-Merk die Gründung des Münchner Schriftstellerinnen-Vereins, in dem u.a. Ricarda Huch, Annette Kolb, Elsa Bernstein und Gabriele Reuter Mitglied waren. Im Mai 1933 legte der Vorstand des Vereins Carry Brachvogel ihrer jüdischen Herkunft wegen den Rücktritt vom Vorsitz nahe, bevor er sich im darauffolgenden Herbst selbst auflöste. Ob sie damit auch aus dem Verein für Fraueninteressen ausschied, ist unklar.
Bei Ausbruch des Großen Krieges/ Ersten Weltkrieges 1914 gehörte sie, wie die meisten ihrer Mitstreiterinnen aus dem Verein für Fraueninteressen, zu denjenigen, die den „Dienst der Frauen an der Heimatfront“ propagierten und auf die Pflicht der Frauen pochten, ihren angemessenen Beitrag zum heroischen Einsatz zur Verteidigung des Vaterlands zu leisten. Ab 1915 leitete sie die Nähstube des Vereins für Fraueninteressen, die Frauen und Familien von Kriegsteilnehmern unterstützte. Ebenso offen setzte sie sich im weiteren Kriegsverlauf kritisch mit dem Krieg und seinen Konsequenzen auseinander, so z.B. im Roman „Schwertzauber“ (1917).
Die „Neue Frau“, wie sie in den 1920er Jahren propagiert und von vielen gelebt wurde, hatte sie da schon mehr als dreißig Jahre vorgelebt und begrüßte sie in Texten wie „Die große Tochter von heute“ (1926) sowie „Die Dame mit der Zigarette“ (1927). In der Schrift „Eva in der Politik“ (1920) zeichnet sie die historische Entwicklung der Frau in der Politik nach und macht, kurz nach Einführung des allgemeinen Wahlrechts für Frauen in Deutschland, klar, dass das allein die fortbestehende Ungleichbehandlung von Frauen gegenüber Männern nicht ändert.
Eng verbunden fühlte Carry Brachvogel sich zeit ihres Lebens mit ihrer Geburts- und Heimatstadt München. Ihr Buch „Im weiß-blauen Land. Bayerische Bilder“ (1923) zählt zu ihren größten Erfolgen.


Letzte Änderung

geändert: 23.04.2026

Wir bitten um folgende Zitierweise:
Eintrag: „Carry Brachvogel“/ID 197, Online-Datenbank „Pionierinnen* der Frauenbewegung in München. Die frühen Mitglieder der Gesellschaft zur Förderung geistiger Interessen der Frau/des Vereins für Fraueninteressen in München“. Verein für Fraueninteressen e.V. München, geschichte.fraueninteressen.de
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